Im Wiener Zentralfriedhof

in Wien2 months ago (edited)

Es lebe der Zentralfriedhof
und alle seine Tot’n,
da Eintritt is für Lebende
heut ausnahmslos verbot’n.

Wolfgang Ambros, 1975

Liebe Sterbliche,
neulich war ich im gar nicht so zentral gelegenen Zentralfriedhof von Wien.
Seine Größe kann man mit Bildern gar nicht beschreiben (Drohne habe ich keine). Man muss selbst die kilometerlangen Wege abgehen, um ein Gefühl dafür zu bekommen. In nackten Zahlen: 240 ha Fläche, 330.000 Grabstellen, ca. 3 Mio. Tote! Nach der Zahl der Bestattungen ist es der größte Friedhof Europas.

Er wurde 1874 eröffnet und gilt als der Wiener Friedhof für die sehr Reichen und sehr Armen. Für Reiche, weil die Erdgräber dort je nach Lage nicht billig sind und viele Reiche und Berühmte dort liegen, und für die Armen, weil Verstorbene aus Wien, die gar keine Familienmitglieder haben, dort in schlichten Schachtgräbern ihre letzte Ruhe finden.

Besonders sehenswert und eine Touristenattraktion sind natürlich die vielen Ehrengräber - Gräber berühmter und mehr oder weniger bekannter Persönlichkeiten, von denen ich Euch hier ein paar vorstelle:

Eugen Megerle von Mühlfeld (1810-1868)
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Der heute Unbekannte war damals einer der angesehensten Rechtsanwälte Wiens und Gründer der Rechtsanwaltskammer - und ein Sohn von Napoleon Bonaparte (wie Manche an den Gesichtszügen der Büste erahnen mögen)!

Alfred Hrdlicka (1928-2009)
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Der eigenwillige Bildhauer, Maler und Grafiker wollte es so, dass sein Grab namenlos bleiben solle. Aber die Plastiken lassen den Schöpfer erkennen.

Johann Nestroy (1801-1862)
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Nestroy litt wie andere seiner Zeitgenossen im 19. Jhd. unter Taphephobie, der Angst, lebendig begraben zu werden. Früher war das durchaus möglich und selten entdeckte man auch (bei Umbettungen oder Exhumierungen) verdrehte Positionen der Leichen oder Kratzspuren innen am Sarg, die darauf hindeuteten, dass die Begrabenen nur scheintot waren und nach dem Erwachen im Sarg grausam erstickt waren!
Nestroy liess daher (wie z.B. auch Arthur Schnitzler) testamentarisch den "Herzstich" verfügen, also dass nach seinem wirklichen (oder vermeintlichem) Tod ihm das Herz durchstochen werden musste!

Ludwig van Beethoven (1770-1827)
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Aufgewachsen in Bonn, verbrachte Beethoven mehr als die Hälfte seiner nur 56 Jahre währenden Lebenszeit in Wien. Seine Beerdigung auf dem Währinger Friedhof war ein Riesenereignis, 20.000 Menschen sollen am Trauerzug teilgenommen haben. Wie viele vor 1874 Verstorbene wurde seine Leiche umgebettet und erhielt 1888 das Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof.

Johann Strauß (1825-1899)
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Er war der berühmteste der Strauß-Dynastie neben seinem Vater Johann und seinen Brüdern Eduard und Josef. Die Familie war zerstritten und Eduard, selbst Komponist, litt sehr unter dem Ruhm seines Bruders. Johann (Sohn) war in Konkurrenz zu seinem eigenen Vater. Er galt als Lebemann und auch, wie sein Vater, guter Geschäftsmann. Z.B. liess er sich doubeln, um an 2 Orten gleichzeitig Orchester zu dirigieren. Er nahm die deutsche Staatsbürgerschaft (bzw. die des Herzogtums Sachsen-Coburg und Gotha) an, um ein drittes Mal heiraten zu können!

Detail:
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Ich finde, für die damalige Zeit recht freizügig, denn der dünne "Stoff" verbirgt nur schlecht die ansehnlichen Rundungen der dargestellten Person. Keine Ahnung, warum Frauen oder Engel auf Grabmalen oft so leicht bekleidet dargestellt werden, das muss einen Grund haben.

Johannes Brahms (1833-1897)
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Wie Beethoven hatte er seine letzten Jahre in Wien, der damaligen Hauptstadt der Musik, verbracht. Er war 8 Jahre jünger als Johann Strauß, hatte aber nie einen Personenkult um sich gepflegt. Das kommt auch in dem Grabmal zum Ausdruck.

Die Gräber der anderen Strauß-Familienmitglieder (Vater, Eduard und Josef) erspare ich Euch 😃.

Alois Negrelli (1799-1858)
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Negrelli, seit 1850 Ritter Negrelli von Moldelbe, war ein öst. Ingenieur im Verkehrsbau (vor allem Eisenbahnprojekte). Er war maßgeblich bei der Planung und Trassenführung des Suezkanals beteiligt, erlebte aber dessen feierliche Eröffnung 1869 (der auch Kaiser Franz-Josef I. beiwohnte) nicht mehr. Das Grabmal (es wurde 1929 errichtet, nachdem die Leiche Negrellis vom St. Marxer-Friedhof umgebettet worden war) erinnert an den Kanal (auf der Bronze-Platte ist auch ein Schiff dargestellt) und das Dreieck an der Spitze an eine altägyptische Pyramide.

Carl Ritter von Ghega (1802-1860)
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Manche kennen ihn vielleicht noch vom 20 Schilling-Schein, der ihm gewidmet ist. Er hat die Semmeringbahn geplant und gebaut (1848-1854), für die damalige Zeit eine Meisterleistung der Ingeneurskunst. Sie war die erste normalspurige Gebirgsbahn Europas und ist seit 1998 UNESCO-Weltkulturerbe.

Thonet-Familie
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Der Tischler und Gründer der Thonet GmbH, Michael Thonet (1796-1871), erfand die Methode, Holz (in Form vieler, dünner Schichten) unter Dampf zu biegen und so in dauerhafte, gebogene Form zu bringen. Fürst von Metternich holte ihn 1842 nach Wien, wo er den berühmten "Wiener Kaffeehaus-Stuhl" entwickelte, den "Stuhl Nr. 14", der ein riesengroßer Erfolg wurde. Bis heute ist die Firma im Familienbesitz und wird von den Erben Thonets weitergeführt.

Die Karl-Borromäus-Kirche mit der Präsidentengruft davor.
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Hier liegen alle österreichischen Bundespräsidenten seit 1951 (und ihre Gattinen): Karl Renner, Theodor Körner, Adolf Schärf, Franz Jonas, Rudolf Kirchschläger, Kurt Waldheim und Thomas Klestil.

Innenansicht
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Diese bedeutende Jugendstilkirche Wiens (die andere ist die von Otto Wagner entworfene "Kirche am Steinhof") wurde 1908-1910 nach Plänen von Max Hegele gebaut und 1995-2000 originalgetreu saniert (nachdem die Kuppel im 2.Weltkrieg durch einen Bombentreffer zerstört und danach nur notdürftig repariert worden war). In der Kirchengruft unter dem Hochaltar befindet sich das prunkvollste Grab des ganzen Friedhofs, das sogar die Präsidentengruft in den Schatten stellt - das Grab von Karl Lueger (1844-1910).
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Lueger war Gründer der christlich-sozialen Partei (1934 aufgelöst, aber 1945 als ÖVP neugegründet), Antisemit und Wiens Bürgermeister von 1897 bis 1910. Er war der „Herrgott von Wien“ (so wurde er tatsächlich genannt) und hat viele Projekte initiiert (Straßenbahnen, Hochquellwasserleitung, Elektrifizierung der Stadt, Bau von Spitälern,...), die Wien zu einer modernen Großstadt gemacht haben. Er stand für das "schwarze" Wien (während heute Wien fest in "roter" Hand ist). Zu seiner Beerdigung kamen hunderttausende Wiener in den Zentralfriedhof!

Bruno Kreisky (1911-1990)
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Verblüffend dagegen die Schlichtheit des Grabs von Kreisky, der von 1970-1983 österreichischer Bundeskanzler war und als solcher einen großen Einfluß auf die Geschicke des Landes hatte.

Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000)
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Die öst. Architektin wurde berühmt durch die Erfindung der "Frankfurter Küche", der ersten modernen, zweckmässigen Einbauküche.

Manfred Deix (1949-2016)
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Der Karikaturist und Cartoonist hat wie kein anderer die Häßlichkeit des Österreichers (Aussehen, aber vor allem Charakter) darstellen können. Er war Katzennarr und hatte zeitweilig mit 80 Katzen gelebt!

Udo Jürgens (1934-2014)
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Der Sänger, Pianist und Komponist war einer der kommerziell erfolgreichsten Unterhaltungsmusiker im deutschen Sprachraum. Der Marmor-Flügel als Grabstein wurde von seinem Bruder entworfen.

Hans Hölzl, besser bekannt als Falco (1957-1998)
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Ich denke, zumindest ihn kennen noch alle, die bis hierher gelesen haben. Sein Lied "Rock me Amadeus" ist bis heute das einzige deutschsprachige Lied, das es bis zur Nr. 1 der US-Charts gebracht hat. Leider ist er viel zu früh verstorben, an einem Verkehrsunfall, vermutlich unter Drogeneinfluss.

Franz West (1947-2012)
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Der östereichische bildende Künstler zeigt posthum, dass bei der Grabgestaltung im Zentralfriedhof der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind!

Arik Brauer (1929-2021)
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Der erst kürzlich verstorbene Maler, Sänger und Dichter war Hauptvertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Sein Grabmal ist noch provisorisch (es ist generell Sache der Familie, die Gestaltung zu wählen (sofern es nicht testamentarisch verfügt worden war)).

So, genug der Ehrengräber, es gibt auch noch viele andere interessante Dinge hier zu entdecken, aber davon mehr in Teil 2!

All pics by @stayoutoftherz

Posts zum Thema:

Ein aufgelassenen Friedhof in einem Wiener Park
Über den Umgang mit dem Tod

PS: Hier schon mal ein Teaser zu Teil 2:

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Sort:  

Wahrscheinlich haben es Bruno Kreisky und Arik Brauer schon zu Lebzeiten gewusst, dass der letzte Platz ein schlichter und zum Nachdenken anregender Platz sein sollte.
Nichts gegen das Monumentale, doch genau das hatten sie bereits im Leben erschaffen. Warum als Kopie auf dem Friedhof?
Wie werden sie das Grab von Wolfgang Ambros wohl verunstalten?

Klasse, wie immer. Bin gespannt auf Teil 2.

Danke!

English plz lol

I was waiting to see and Mozart's grave, but either he has been buried in Salzburg or is part 2! In any case, a special place to be! Thanks for your post!

No, he died in Vienna, but was very poor when he died, so he was buried in a poor man´s grave at a different cemetery, this one. Until now there exist speculations if his body is really there or somewhere else.

Thanks pal for the infos!

The first pictures of the "VIP's graveyard" look really impressive. Like little pieces of art and history.

I expect it is really expensive there? I mean 200 years old ones are some of the prestige. But the newer ones cost big $?

Also, some way to spend money :D

PS: Part 2 ( last picture) looks like a place for average people.

I don´t know how much such a grave costs, but I would assume several 10.000s of €.

i could think it goes in the 100th.

Could well be, I never asked :)

Der Freidhof ist riesig, und dort sind einige Menschen die ich gut kannte, auch meine Tante ist dort begraben 😌

Yay! 🤗
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